Wir automatisieren gerade das Falsche
Jemand zeigte mir letztens stolz seine Plaud-Karte. Eine kleine Karte, nimmt Meetings auf, fasst zusammen, schickt ins Postfach. Technisch wirklich gut.
Und trotzdem dachte ich im Nachhinein: Wäre das Meeting eigentlich nötig gewesen? Und wenn ja, so?
Wir bekämpfen Symptome, nicht Ursachen
Meetings, in denen keiner weiß, warum er da ist: Wir transkribieren sie. Diskussionen ohne Moderation: Wir fassen sie automatisch zusammen. Entscheidungen, die nicht getroffen wurden: Wir suchen sie hinterher im Protokoll. E-Mail-Fluten: Wir lassen sie uns von KI kürzen.
Das ist kein Fortschritt. Das ist Schmerzlinderung.
Die Plaud-Karte repariert nicht das schlechte Meeting. Sie macht es nur erträglicher, indem sie dir hinterher sagt, was passiert ist. Der Schmerz bleibt — die Karte legt nur Eis drauf.
Was ein gutes Meeting wirklich bräuchte
Einen Moderator, der den Raum hält. Eine klare Frage am Anfang: Was ist das Ergebnis, das wir hier erzeugen wollen? Eine Zeitbox, die ernst genommen wird. Kommunikationsqualität: Zuhören, rückspiegeln, Stille aushalten.
Am Ende formulieren alle zusammen eine Zusammenfassung, was haben wir entschieden, wer macht was, bis wann. Nicht die KI. Die Menschen im Raum.
Das ist keine Technologie. Das ist Arbeit an sich selbst und am Team.
Wozu KI dann?
Nicht, um schlechte Meetings erträglicher zu machen. Sondern, um den Kopf freizuräumen für die Dinge, in denen wir als Menschen wirklich besser sind: verstehen, verhandeln, entscheiden, ausrichten.
Die Aufnahme zu transkribieren ist die Antwort auf die falsche Frage. Die richtige Frage lautet: Was hindert uns daran, klar zu arbeiten, und welche dieser Hürden löst Technik wirklich, und welche kaschiert sie nur?
Der eigentliche Hebel
Organisationsentwicklung und Digitalisierungskompetenz gehören zusammen. Wer nur Tools kauft, behandelt Symptome. Wer nur an Kultur arbeitet, verpasst echte Werkzeuge.
Die ehrliche Arbeit liegt dazwischen. Und sie ist unbequem, weil sie verlangt, dass wir uns unsere Arbeitsweisen ansehen, bevor wir das nächste Produkt lizenzieren.
Das wäre der teurere Schritt, und der unbequemere. Doch der, der wirklich etwas verändert.
